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Joan's Forum

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 Gedichte, Musik, Bilder und andere Kunst
joan Offline

Moderation


Beiträge: 574

30.06.2008 23:04
Hoffnung antworten


Dies ist die Geschichte einer Raupe, der es schwer fällt zu werden was sie wirklich ist.
Sie ist wie ich – wie wir alle!

Eines schönen Tages befreite sich ein winzig kleiner, gestreifter Raupenmann aus dem Ei, das so lange sein Zuhause gewesen war.
„Hallo, Welt!“ sagte er, „es ist wirklich sehr hell hier draußen in der Sonne.“
„Ich habe Hunger“, dachte er und begann sofort das Blatt aufzufressen, auf dem er geboren war.
Und er fraß noch ein Blatt, dann noch eins, und noch eins –
Und er wurde dabei immer größer und größer und noch größer.
Bis er eines Tages mit dem fressen aufhörte und dachte: „Das Leben muss doch noch mehr zu bieten haben als nur Essen und Größeerwerden. Das wird mir allmählich langweilig!“
Und so krabbelte Streifling, so nannte er sich nämlich als echte schwarz weiße Zebraraupe, von dem freundlichen Baum herunter, der ihm Schatten gespendet und ihm zu essen gegeben hatte.
Er wollte mehr!
Unten gab es unendlich viel Neues zu sehen. Gras und Staub und Löcher und winzig kleine Käferchen – alles faszinierte ihn, aber nichts machte ihn wirklich zufrieden. Als ihm ein paar Tiere über den Weg krabbelten, die genauso aussahen wie er, war er besonders aufgeregt. Aber sie waren so mit Fressen beschäftigt, dass sie gar keine Zeit hatten, sich mit Streifling zu unterhalten- genauso war es ihm anfangs auch gegangen.
„Die wissen auch nicht mehr über das Leben als ich“, seufzte er. Dann sah Streifling eines Tages ein paar Raupen, die zielstrebig auf etwas zukrabbelten. Wohin die wohl alle wollen? Da sah er eine große Säule, die sich hoch in die Luft erhob. Als er gemeinsam mit den anderen Raupen weiterkroch, stellte er fest, dass die Säule ein Haufen aus lauter Raupen war, die sich kringelten und drängelten – eine richtige Raupensäule!
Anscheinend versuchten all die Raupen, zur Spitze der Säule zu klettern, aber die Spitze war in so dichte Wolken eingehüllt, dass Streifling sich nicht vorstellen konnte, was dort wohl war. Da überkam ihn ein ganz neues Gefühl der Erregung, wie wenn der Saft im Frühjahr in die Bäume schießt.
„Ob ich hier wohl finde, was ich suche?“
Mit Herzklopfen fragte er einen seiner Raupenbrüder: „Weißt DU was hier eigentlich los ist?“
„Ich bin auch gerade erst angekommen“, sagte der andere, “Keiner hat hier Zeit es mir zu erklären; alle sind so damit beschäftigt, zum Ziel zu kommen, was immer es auch sein mag – eben dort hinauf:“
„Aber was ist denn dort oben?“ fragte Streifling
„Das weiß so genau niemand. Aber es muss etwas ganz besonderes sein, weil sie es alle so eilig haben, dort hinauf zu kommen. Auf Wiedersehen; ich habe keine Zeit!“ – und der andere stürzte sich in den Haufen.
Ein ganz neuer Drang erfüllte Streifling, und ihm schwirrte der Kopf. Er konnte nicht mehr in Ruhe nachdenken. Jede Sekunde krabbelte eine Raupe an ihm vorbei und verschwand im Gedränge. „Es bleibt mir ja gar nichts anderes übrig!“ dachte Streifling und drängte sich in die Menge. Zuerst fühlte sich Streifling in dem Haufen ganz benommen. Er wurde von allen Seiten geschubst und getreten. Da gab es nur zwei Möglichkeiten: klettern oder überklettert werden. Er entschied sich fürs klettern. Die Raupen in dem Haufen waren keine Brüder mehr für ihn, nur noch Bedrohungen und Hindernisse. Aber er verwandelte sie für sich in Stufen und Leitern für SEINEN Aufstieg. Seine Zielstrebigkeit brachte ihn vorwärts, und er hatte das Gefühl immer höher zu steigen. Doch an manchen Tagen war es ihm, als komme er überhaupt nicht weiter. Er konnte nur eben seinen Platz behaupten. Gerade in solchen Augenblicken legte sich Angst wie ein Schatten auf sein Gemüt. „Was mag nur dort oben sein?“ flüsterte er. „Wohin klettern wir eigentlich?“
Eines Tages war Streifling so verzweifelt, dass er es nicht mehr aushielt und sich selber anschrie: „Ich weiß es nicht, ich habe keine Zeit darüber nachzudenken!“
Eine kleine goldgelbe Raupe, über die er gerade stieg, keuchte: „Was hast du gesagt?“ „Ich habe nur mit mir selber gesprochen“, murmelte Streifling, „es ist nicht so wichtig, ich habe mich nur gefragt, wohin wir eigentlich kriechen.“
„Tja“, sagte Goldgelb, „das habe ich mich auch schon gefragt. Aber wie soll ich es herausfinden? Also bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es nicht so wichtig ist es herauszufinden.“ Sie errötete , weil das so albern klang und setzte rasch hinzu: „Die anderen scheint das ja auch nicht zu interessieren, also wird schon alles in Ordnung sein.“ Trotzdem errötete sie wieder, „Wie weit sind wir denn eigentlich noch von der Spitze entfernt?“
„Da wir weder unten noch oben sind, müssen wir also in der Mitte sein“, antwortete Streifling ernst. „Aha“, sagte Goldgelb und sie kletterten weiter. Aber jetzt überkam Streifling ein Gefühl, das er bisher nicht gekannt hatte. Er hatte ein schlechtes Gewissen. Seine Zielstrebigkeit war wie weggeblasen. „Wie kann ich auf jemanden Treten, mit dem ich mich gerade unterhalten habe?“ dachte er still bei sich. Streifling ging Goldgelb so gut aus dem Weg, wie es eben ging. Doch eines Tages war sie wieder da und versperrte ihm den einzigen Weg der nach oben führte. „Also entweder du oder ich“, sagte er und trat ihr mitten auf den Kopf. Doch als er den Blick sah, den Goldgelb ihm zuwarf, war ihm plötzlich schrecklich zumute. Er wusste: DAS kann nicht der Preis sein, was auch immer dort oben ist. DAS war es ihm nicht wert. Streifling kletterte wieder von Goldgelb herunter und sagte leise: „Es tut mir leid.“ Goldgelb begann zu weinen: „Bisher konnte ich dieses Leben recht gut ertragen; ich hoffte immer auf das, was noch vor mir lag. Doch seit dem Tag, an dem ich dich kennen lernte und hörte, wie du mit dir selbst sprachst, ist alles anders. Seitdem bin ich einfach nicht mehr mit dem Herzen dabei, aber was soll ich sonst tun? Bisher wusste ich gar nicht, wie schlimm dieses Leben eigentlich für mich war. Doch jetzt, wo du mich so freundlich anschaust, bin ich ganz sicher, dass es mir nicht mehr gefällt. Ich möchte etwas ganz anderes tun – zum Beispiel neben dir herkrabbeln und am Gras knabbern.“
Streiflings Herz machte einen Luftsprung. Jetzt sah alles anders aus. Die Säule hatte überhaupt keinen Sinn mehr. „Das würde ich auch gern tun.“, flüsterte er. Aber das bedeutete ja, dass er mit dem klettern aufhören musste! Eine schwere Entscheidung.
„Goldgelb, Liebes, vielleicht sind wir schon ganz nahe an der Spitze. Vielleicht können wir schnell hinkommen, wenn wir uns gegenseitig helfen.“
„Vielleicht“, sagte sie.
Aber sie wussten beide, dass diese Kletterpartie nicht das war, was sie sich am meisten wünschten.
„Lass uns wieder hinunterkriechen“, schlug Goldgelb vor.
„Also gut“. Und sie hörten auf hinauf zu klettern.
Sie klammerten sich aneinander während Tausende von Raupen über die hinwegkletterten. Die Luft war entsetzlich stickig, aber sie waren froh, beieinander zu sein, und rollten sich zu einer großen Kugel zusammen, so dass niemand ihnen in die Augen oder in den Bauch treten konnte. Eine Weile, die ihnen sehr, sehr lang vorkam, ließen sie alles über sich ergehen. Plötzlich spürten sie, dass niemand mehr über sie hinwegkletterte. Sie rollten sich auseinander, schlugen die Augen auf und sahen, dass sie neben der Raupensäule lagen.
„Hallo Streifling“, sagte Goldgelb. „Hallo Goldgelb“, antwortete Streifling. Und sie krochen ins frische grüne Gras um zu fressen und sich auszuruhen. Kurz vor dem Einschlafen umarmte Streifling Goldgelb. „So nah mit dir ist es wirklich ganz anders als in diesem Raupengedrängel!“ „Ja da hast du recht!“
Sie lächelte und schloss die Augen.
So tummelten sie sich im Gras und fraßen und wurden dick und liebten einander. Sie waren so froh, nicht mehr andauernd mit jemandem kämpfen zu müssen! Eine Zeitlang war es wie im Himmel. Doch endlich wurde sogar das Umarmen ein bisschen langweilig. Sie kannten sich jetzt schon in- und auswendig – bis zum letzten Härchen. Und Streifling kam jetzt immer wieder der Gedanke: „Das Leben muss doch mehr zu bieten haben“
Goldgelb sah, wie unruhig er war, und bemühte sich, es ihm besonders schön und gemütlich zu machen. „Denk doch nur, wie viel besser wir es jetzt haben als damals in dem schrecklichen Durcheinander“, sagte sie.
„Aber wir wissen immer noch nicht, was oben ist!“ antwortete er „Vielleicht war es doch ein Fehler, wieder herunter zu kommen. Vielleicht könnten wir beide es jetzt, wo wir uns ausgeruht haben, bis ganz nach oben schaffen“.
Aber Goldgelb wollte nicht:“ Ach nein Streifling. Wir haben hier ein so schönes Zuhause, und wir lieben uns. Das ist genug. Es ist viel mehr wert als das einsame Leben all dieser Aufsteiger in dem Haufen!“
Sie war so sicher, dass Streifling sich überzeugen ließ. Aber nur für eine Weile. Seine Sehnsucht nach dem Aufsteigen wurde immer größer. Der Gedanke an die Säule verfolgte ihn. Er kroch regelmäßig hin, schaute hinauf und fragte sich, was dort oben wohl sein mochte. Doch die Spitze war immer umwölkt.
Eines Tages, als Streifling wieder einmal zur Säule hinaufschaute, hörte er dreimal hintereinander einen dumpfen Aufprall. Er erschrak. Drei große Raupen waren irgendwo heruntergefallen und lagen zerschmettert am Boden. Zwei schienen tot zu sein, doch die dritte wand sich noch hin und her. „Was ist denn passiert?“, fragte Streifling. „Kann ich dir helfen?“ Doch die Raupe brachte nur noch wenige Worte hervor: “Dort oben.... Sie werden es sehen.... Da gibt es nur Schmetterlinge...“
Dann starb sie.
Streifling kroch nach Hause und erzählte Goldgelb alles. Sie waren beide sehr still und ernüchtert. Was bedeutete diese geheimnisvolle Mitteilung? Waren die drei Raupen etwa von ganz oben heruntergefallen? Schließlich sagte Streifling:“ Ich muss es wissen. Ich muss herausfinden was dort oben ist. Willst Du mitkommen und mir helfen?“
Goldgelb kämpfte mit sich. Sie liebte Streifling und wollte bei ihm bleiben. Sie wollte ihm helfen, ja, aber sie konnte einfach nicht glauben, dass die Spitze der Säule zu erklettern all die Mühe wert war. Sie wollte ja auch „nach oben“; auch ihr genügte es nicht, hier unten herumzukriechen. Und sie sah auch ein, dass die Säule wohl der einzige Weg nach oben war. Streifling schien sich seiner Sache so sicher zu sein, dass Goldgelb sich schämte ihm nicht zu zustimmen. Sie war auch ein bisschen verlegen und kam sich dumm vor, weil es ihr nie gelang, ihre Gründe in Worte zu fassen, die vor seiner Logik bestehen konnten. Und doch fand sie es besser, in ihrer Unsicherheit abzuwarten, als etwas zu tun, woran sie nicht glaubte. Sie konnte es nicht erklären, sie hatte keine Beweise – und nicht einmal ihre Liebe zu Streifling konnte sie bewegen mit ihm zu gehen. Sie wusste einfach, dass Klettern nicht der richtige Weg war, um nach oben zu gelangen. „Nein“, sagte sie bekümmert. Und Streifling verließ sie und begab sich wieder auf die Kletterpartie.
Goldgelb fühlte sich sehr einsam ohne Streifling. Jeden Tag kroch sie zu dem Raupenhaufen, hielt Ausschau nach ihm und ging abends wieder nach Hause. Teils war sie traurig, teils auch ein wenig erleichtert, dass sie ihn nie sah. Denn wenn sie ihn sähe, fürchtete sie, würde sie ihm folgen, obwohl sie wusste, dass das nicht richtig war.
Sie hatte das Gefühl, etwas unternehmen zu müssen – irgend etwas. Alles war besser als dieses Warten, diese Unsicherheit. „Was will ich eigentlich?“ seufzte sie „Meine Wünsche sich andauernd. Aber ich weiß, da gibt es noch etwas...“
Schließlich fühlte sie sich wie betäubt. Sie brach auf und verließ alles, was ihr vertraut war.
Eines Tages sah sie zu ihrem Erstaunen eine grauhaarige Raupe, die mit dem Kopf nach unten an einem Zweig hing. Die Raupe schien in einem Knäuel aus Haaren gefangen zu sein. „Du hast anscheinend Schwierigkeiten. Kann ich Dir helfen?“ fragte sie. „Nein, meine liebe. Ich muss das tun, um ein Schmetterling zu werden“, hörte sie als Antwort. Ihr Herz machte einen Sprung. „Schmetterling – das Wort kommt mir bekannt vor“, dachte sie. „Bitte erkläre mir: Was ist ein Schmetterling?“ fragte Goldgelb weiter.
„Ein Schmetterling ist das, was eines Tages aus dir werden soll. Er hat wunderschöne Flügel, kann fliegen und verbindet die Erde mit dem Himmel. Er trinkt nur Nektar aus Blüten und trägt die Samen der Liebe von Blume zu Blume“. „Das kann doch nicht ich sein“, Goldgelb schnappte aufgeregt nach Luft. „Wie soll ich glauben, dass in Dir oder mir ein Schmetterling steckt, wenn ich doch nur einen behaarten Wurm sehe? Wie wird man ein Schmetterling, fragte sie dann endlich. „Du musst dich sosehr danach sehnen, fliegen zu können, dass du bereit wirst, dein Raupendasein aufzugeben“.
„Du meinst sterben?“ fragte Goldgelb zaghaft und dachte an die drei Raupen, die vom Himmel gefallen waren.
„Ja und nein“, antwortete die alte Raupe, „Was du zu sein scheinst stirbt, aber das, was du wirklich bist, wird am Leben bleiben. Das Leben hört nie auf – es verwandelt sich nur. Ist das nicht besser, als zu sterben, bevor man ein Schmetterling geworden ist?“ „ Und was muss ich tun, wenn ich ein Schmetterling werden will?“ fragte Goldgelb zögernd weiter. „Schau mir zu. Ich baue mir einen Kokon aus blauer Seide. Ich weiß, es sieht so aus, als ob ich mich verstecke; aber ein Kokon ist kein Versteck. Er ist nur eine Behausung des Übergangs, in der die Verwandlung stattfindet. Dies ist ein entscheidender Schritt, denn danach kannst Du nie wieder in dein altes Dasein zurückkehren. Während der Verwandlung wird es Dir und allen, die dich zufällig sehen, so vorkommen, als ob gar nichts geschähe – aber der Schmetterling ist schon im Werden. Es braucht nur Zeit und deine Entscheidung! Und noch etwas: Wenn du einmal ein Schmetterling bist, dann kannst du wirklich lieben – auf eine Weise, aus der neues Leben entsteht. Das ist schöner als all die Umarmungen, zu denen man als Raupe fähig ist.“
Das muss ich unbedingt Streifling erzählen, dachte Goldgelb, obwohl sie wusste, das er ja viel zu tief im Haufen steckte und das sie ihn auch gar nicht erreichen konnte. „Sei nicht traurig“, sagte ihr neuer Freund. „Wenn du dich verwandelst, kannst du zu ihm fliegen und ihm zeigen wie schön Schmetterlinge sind. Vielleicht will er dann auch einer werden.“ Die grauhaarige Raupe spann sich weiter in die seidenen Fäden ein, die silbrig blau in der Sonne schillerten. Als sie sich den letzten Faden um den Kopf geschlungen hatte, rief sie:“ Du wirst ein wundervoller Schmetterling werden – wir warten alle auf dich!“
Goldgelb sann noch eine Weile nach, dann beschloss sie, es zu wagen! Sie wollte ein Schmetterling werden. Um Mut zu fassen, hängte sie sich direkt neben den Kokon der grauhaarigen Raupe und begann ihren eigenen zu spinnen. Dabei dachte sie:“ Bisher habe ich nicht einmal gewusst, das ich das kann! Aber das heißt ja auch, dass ich wohl auf der richtigen Spur bin. Und wenn ich das Zeug dazu habe einen Kokon zu bauen, dann kann ich sicherlich auch ein Schmetterling werden.

Original Titel: Hoffnung für die Blumen
Die Geschichte einer Raupe, die beinahe vergaß, dass sie ein Schmetterling werden kann
Original: Trina Paulus, Ansata Verlag 1972
Überarbeitet: Joan 1997[/smqll]

alles liebe
Joan

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